Samstag, 24. Oktober 2009

Ist das das Ende vom Buch?


Kindle ist da. Seit ein paar Wochen bietet Amazon sein revolutionäres E-Book-Lesegerät auch in Deutschland an. Genauer gesagt: Amazon lässt zu, dass auch Kunden von außerhalb der USA das Gerät bei Amazon USA bestellen und sich nach hause liefern lassen. Von den beiden Kindle-Modellen im Amazon-Programm - Kindle und das größere Kindle DX - ist nur das hier abgebildete kleinere Modell (intern Kindle 2 - für 2. Generation - genannt) lieferbar. Es unterscheidet sich in nichts von den US-Modellen: Bedienungsanleitung und Benutzerführung sind englisch. die Tastatur ebenfalls. Sogar der beigefügte USB-Steckerlader ist ein Modell für US-Steckdosen und funktioniert vermutlich nur bei 110 Volt. Kindle verfügt über ein eingebautes Mobilfunk-Modul, über das es drahtlos Daten empfangen kann. So kann man mit seinem Kindle im Amazon-Bookstore E-Books kaufen und diese direkt per Funk auf sein Lesegerät übertragen. In den USA kooperiert Amazon mit AT&T. Eine bereits im 1. Halbjahr 2009 geplante Markteinführung in Deutschland scheiterte daran, dass Amazon keine Einigung mit einem in Deutschland operierenden Mobilfunkprovider über günstige Übertragungstarife erzielen konnte. Jetzt hat AT&T mir einer Reihe von Providern weltweit Roaming-Verträge geschlossen - jetzt funktioniert Kindle auch außerhalb der USA.

Kindle kostet bei Amazon USA 279 US$, das entspricht rund 170 Euro. Dazu kommen allerdings noch Fracht und Zoll, so dass man in Deutschland etwa 250 Euro bezahlen muss, um ein solches Gerät zu bekommen. Ich habe "mein" Kindle über Amazon UK bekommen, dort sitzt die Pressestelle, die an Journalisten in Europas Kindles zum Testen verleiht. In zwei Wochen muss ich es wieder zurückschicken. Dazu gab es 30 US$ als Guthaben zum "Spielen". danke, Amazon, sehr nett.

Auspacken

Kindle kommt in einem schlichten Karton, der Lieferumfang ist übersichtlich: Lesegerät, USB-Kabel, der erwähnte Steckerlader in US-Norm, eine Kurzanleitung, eine Anleitung zum Erklären der Verwaltung des Online-Accounts (die war nur für die Journalisten, glaube ich), das war's - nicht ganz: Wem ein solches E-Book zu wenig "Buch" ist, der kann sein Kindle auch in eine beiliegende, maßgeschneiderte Hülle aus Kunstleder einklinken. Damit sieht das Gerät von außen aus wie ein Buch.

Kindle ist etwas kleiner als DIN-A5, genauer: 203 x 135 mm, es ist knapp einen Zentimeter dick und wiegt knapp 300 Gramm. Der Bildschirm hat eine Diagonale von 6 Zoll, damit bietet er etwa die vierfache Fläche eines Smartphones vom Schlage eines iPhone. 

Registrieren und los

Um Kindle sinnvoll nutzen zu können, benötigt man einen Kundenaccount bei Amazon. Auf einer speziellen Website kann man sein Gerät registrieren und Optionen eingeben, wie man Inhalte bezahlen möchte, die man mit seinem Kindle kauft. Außerdem kann man seinem Kindle eine E-Mail-Adresse geben und Adressen festlegen, von denen aus man Inhalte an sein Kindle schicken kann. Inhalte für das Kindle kann man entweder über das Gerät selbst kaufen oder über den Amazon-Kindle-Store. Egal wo man kauft, die Inhalte werden drahtlos auf das Gerät übertragen. Hat man keinen Mobilfunkempfang, kann man gekaufte Inhalte auch via USB-Kabel vom Computer auf das Gerät übertragen.

Hardware - die ersten Gehversuche

Nach dem Einschalten braucht Kindle nur wenige Sekunden zum Booten. Das Gerät arbeitet komplett geräuschlos. Obwohl es Lautsprecher hat, ist das Knacken der Tastaturkontakte das einzige Geräusch, das Kindle normalerweise macht. Auf den ersten Blick am erstaunlichsten wirkt der Monitor. Er basiert auf der E-Ink-Technik und arbeitet rein passiv, das bedeutet: Er leuchtet nicht selbst und ist - wie Papier - am besten abzulesen, wenn die Umgebungsbeleuchtung schön hell ist. Das Ziel der Kindle-Entwickler war ein Bildschirm, der Text und Grafik so anzeigt, als seien sie auf Papier gedruckt. Dieses Ziel erreicht Kindle knapp: Der Bildschirmhintergrund ist nicht weiß, sondern grau wie Öko-Papier. Die E-Ink-Technik bewirkt zwei Dinge: Erstens ist das angezeigte Bild absolut ruhig und flimmerfrei, eben wie gedruckt. Zweitens benötigt ein E-Ink-Display nur dann Strom, wenn sich der Bildschirminhalt ändert. Ohne Strom bleibt einfach das letzte angezeigte Bild stehen. Das nutzt Kindle für nette Screensaver: Im ausgeschalteten Zustand ziert ein zeitgenössisches Portrait eines berühmten Schriftstellers oder irgendein historischer Stich das Display. 

Zu den Nachteilen der E-Ink-Technik gehört das Unvermögen des Monitors, bewegte Bilder wiederzugeben. So wird Text nicht wie auf einem normalen Flachschirm-Monitor gescrollt, sondern Seite für Seite gewechselt. Der Seitenwechsel geht angenehm schnell: Umblättern dauert nicht länger als ein Augenzwinkern. Eine weitere Einschränkung: Das Display des Kindle kann nur schwarzweiß mit Graustufen. 

Auf der Oberseite befinden sich mehrere Tasten für Blättern vor und zurück sowie für weitere Menüfunktionen. Außerdem ein kleiner Mini-Joystick und schließlich eine QWERTY-Tastatur mit sehr kleinen Tasten und hartem Druckpunkt. Damit kann man problemlos kurze Texte in eine Suchmaske eingeben, für das Verfassen längerer Texte ist diese Tastatur erkennbar nicht gedacht. Insgesamt ist die Verarbeitung recht ordentlich, die Tasten sind allerdings etwas knarzig. Am rechten Rand sitzt eine Lautstärkenwippe, oben gibt es den Hauptschalter und einen Anschluss für einen 3,5-mm-Kopfhörerstecker. Wozu das? Nun, der Kindle kann nicht nur MP3-Musik und Hörbücher im Audible-Format wiedergeben, er kann auch automatisch vorlesen, doch dazu später.

Nach dem ersten Einschalten führt einen das Gerät durch seine Grundfunktionen - auf englisch, eine andere Sprache ist nicht verfügbar. Serienmäßig an Bord ist das Oxford Advanced Learner's Dictionary, ein Wörterbuch der englischen Sprache, das die Bedeutung englischer Worte erklärt - auf englisch. Damit kann man in beliebigen E-Books einzelne Worte nachschlagen - sehr praktisch für Nicht-Englisch-Muttersprachler.

"Jedes Buch in weniger als einer Minute auf Ihrem Kindle" verspricht Amazon, und "mein" Kindle kann dieses Versprechen erst einmal nicht einlösen: Das Mobilfunkteil kann keine Verbindung aufbauen. Derweil befasse ich mich mit dem Setup des Gerätes, vergebe eine E-Mail-Adresse und richte meine Zahlungsinformationen ein. Danach klappt es auch mit dem Online-Zugang. Vielleicht habe Daten gefehlt.

Der Zugang zum Content-Repertoire läuft über den Amazon Bookstore - wenn man eine Mobilfunkverbindung hat. 35.000 Titel hat der Store im Programm, das hört sich viel an, ist es aber nicht. Ich tippe als Suchwort "Yamaha" ein und erwarte Fachliteratur zu meinem Motorrad - Fehlanzeige! Dann gebe ich "Motorbike" ein und stoße auf ein grottenschlechtes Werk namens "SportBike Buying made Easy" von einer gewissen Miss Cindy. ich kaufe das Buch für 3,95 Dollar, es erweist sich als ziemlicher Müll. Okay, also am besten einfach ein gutes, englischsprachiges Buch kaufen. Im vergangenen Sommer bekam ich im Urlaub "World's End" von T. C. Boyle in die Finger, las es zu 80 Prozent durch und ließ es dann bei der Abreise im Hotel liegen. Das könnte ich jetzt nachholen, also "Boyle" eingegeben: Es gibt mehrere Bücher von T.C. Boyle im Angebot, "World's End" ist nicht darunter.

Irgendwie sieht das im Moment nicht so aus, als wenn Kindle und ich Freunde werden...

Deutschsprachiger Content auf dem Kindle ist derzeit Mangelware, immerhin gibt es eine Kindle-Ausgabe der FAZ und des Handelsblattes. Man kann die jeweils aktuelle Ausgabe kaufen oder ein Abo abschließen, wobei die Preise geringfügig über denen der Print-Ausgabe liegen. Ich gönne mir ein 14-tägiges Probeabo der FAZ: Seit vergangenem Freitag landet jeden Tag die aktuelle FAZ-Ausgabe auf "meinem" Kindle. Wenn ich nicht auf "keep" drücke, verschwindet die Zeitung vom gestern von dem Gerät, sobald die Zeitung von heute herausgekommen ist. 

Die Kindle-FAZ kommt ohne Bilder und ohne Werbung, dafür mit einer Navigationsebene, die nach Ressorts suchen lässt. Runde 150 Texte, von der Kurzmeldung bis zum Leitartikel, enthält so eine FAZ jeden Tag. Allerdings fällt die Orientierung auf dem Kindle längst nicht so leicht wie auf Papier. Es fehlen Differenzierungsmerkmale im Layout und der Typografie. Immerhin: In einem Flugzeug ist der Kindle einfacher zu handhaben als eine FAZ-Wochenausgabe. Bei der auf deutsch geschriebenen FAZ versagt übrigens der elektronische Vorleser, er erkennt nur US-amerikanische Texte halbwegs anhörbar. Auch Oxford's Advanced scheitert am deutschen Vokabular. Dafür gibt es wenigstens keine Probleme mit den Umlauten. Allerdings setzt Kindle alle Texte grundsätzlich in Blocksatz ab, was von allem bei den Titelzeilen oft unschön aussieht.

Doch eigentlich ist Kindle zum Bücherlesen da. Also bestelle ich mir "State of Fear" von Michael Crichton, einen Thriller, der im Umfeld von Umweld-Aktivisten spielt. Das Buch kostet elektronisch etwa genausoviel wie im Handel, dafür kann ich hier eine Minute nach dem Kauf mit dem Lesen anfangen. Und das geht gar nicht schlecht: Die Standby-Zeit des Geräteakkus ist groß genug, dass man sich darüber keine Gedanken machen muss. 

Fazit

Nach einigen hundert Seiten in Crichtons's Thriller zeigt sich, dass das Lesen von Büchern ohne großen Grafikanteil erkennbar die Stärke des Kindle ist. Schnell ist eine Darstellungsart gefunden, bei der einem die Schriftgröße und der Zeilenabstand gut gefallen, und dann geht Lesen auf dem elektronischen Gerät wirklich mindestens genauso einfach wie in einem Buch.

Allerdings: Das Kindle bleibt ein elektronisches Gerät. Man möchte es ungern hinfallen lassen. Die Bücher, die ich zum Schmökern in den Urlaub mitnehme, packe ich immer in die Außentaschen meines Koffers, schließlich können die einige Schläge vertragen - der Kindle müsste ins Handgepäck. Und im Urlaub lasse ich gern mal ein Buch auf der Liege am Pool liegen, wenn ich zum Essen gehe - mit dem Kindle würde ich das nicht machen. Und was das "kindle-gerechte" Aufbereiten von Tageszeitungs-Content angeht, so kann das Gebotene einfach noch nicht mit dem mithalten, was mir eine Zeitung aus Papier bietet. Dazu kommt: Auch auf dem Kindle enthält die Zeitung von heute die Nachrichten von gestern. Da gehe ich lieber mit meinem Handy direkt ins Netz - und lese die aktuellen News.

Würde ich mir ein Kindle kaufen? Vermutlich nicht. Dafür ist es zu teuer, bietet zu wenig Auswahl an Literatur und schränkt mich zu sehr in seinen Möglichkeiten ein. Die Geschichte würde sich mit einem Schlag ändern, wenn man Bücher und Dokumente aus allen möglichen Quellen problemlos per USB-Schnittstelle übertragen könnte. Aber ein erster Test zeigt: Sowohl Word- als auch PDF-Dokumente verlieren gewaltig an Form, wenn man sie (kostenpflichtig) via Mail und Mobilfunkstrecke auf das Gerät mogelt.

Aber das Display ist toll. Dafür fallen mir ein Dutzend Anwendungsmöglicheiten ein, von denen Kindle die meisten leider nicht beherrscht.

Samstag, 10. Oktober 2009

Manchmal ist Größe eben doch entscheidend

"You can tell the age of the boys by the size of their toys" sagt der Angelsachse und hat damit wie so oft nicht ganz unrecht. Wer mit drei in der Sandkiste einen Big-Traktor mit Schaufellader am Start hat, ist den Wettbewerbern mit ihren schwindeligen Bobby-Cars ganz klar überlegen.

Viele Jungs neigen dazu, dieses Spielchen auch in späteren Jahren auf der Straße fortzuführen, doch wer einmal einen 8x8-Kiesbomber mit 430 PS, 1.700 Newtonmetern, Sechzehnganggetriebe und natürlich mit 15 Tonnen Kies im Nacken durch das Dachauer Land getrieben hat, findet danach sogar Porsche Cayennes eher mickerig.

Wie kann man sowas noch toppen?

Mit einem Claas Lexion 530 zum Beispiel.

Der hat zwar nur 313 PS, dafür ist er sechs Meter breit, vier Meter hoch, verfügt über genügend Elektronik um einen mittleren Serverschrank zu füllen und wird mit einem Joystick gefahren, der Assoziationen an den EuroFighter weckt. Die Rede ist von einem Mähdrescher.

Einen Mähdrescher wollte ich schon immer mal fahren. Einen Kettenpanzer vielleicht auch, aber der ist mir zu eng und zu militaristisch. Aber ein Mähdrescher - ultracool.

Glücklicherweise stellt die Firma Claas in Gütersloh nicht nur Mähdrescher her, sie verfügt auch über eine recht interessante Online-Strategie zur Unterstützung ihrer Händlerschaft und den Wunsch, die Welt dies erfahren zu lassen. Genügend Gründe also für einen Geschäftsbesuch. An dessen Ende stand dann eine Testfahrt mit einem nagelneuen, auf Hochglanz gewienerten Claas Lexion 530. Herr Lohmann, seines Zeichens Landwirt, stand mir dabei helfend zur Seite, denn ohne Herrn Lohmann hätte ich beim Lexion noch nicht einmal den Zündschlüssel gefunden, geschweige denn, das Monstrum vom Fleck bewegt.

Vor der Fahrt steht erst einmal eine Kletterpartie, die Führerkanzel befindet sich in luftiger Höhe. Darin geht es vergleichsweise komfortabel zu: Klimaanlage, Radio, Kühlfach, verstell- und klappbare Lenksäule, Bordmonitor. Auf dem lassen sich über die verschiedenen Menüs alle möglichen und unmöglichen Daten abrufen, zum Beispiel über die Qualität des gerade gemähten Getreides, über die aktuellen Betriebsdaten des Fahrzeugs oder über Wartungsarbeiten, die gerade anstehen. Im vor Schaltern überquellenden Armaturenbrett ist unter anderem auch ein kleiner Drucker eingebaut, der besagte Wartungsliste auf Wunsch auch ausdruckt, damit sie der Fahrer beim Gang rund um das enorme Fahrzeug mitnehmen kann.

Gelenkt wird der Lexion 530 über ein kleines Lenkrad mit Knauf, welches sich spielerisch leicht drehen lässt. Die rechte Hand ist derweil am bereits erwänten Joystick: Schiebt man ihn vor, fährt der Mähdrescher los. Lässt man den Joystick los, bleibt der Lexion stehen, zieht man ihn zurück, geht es retour.

So fahren wir also los, der Lexion, Herr Lohmann und ich. Vorsichtig, man will ja mit dem sechs Meter breiten Mähwerk niemanden schächten, dann auf eine Berg- und Talbahn - auf der ich bei der steilen Bergabfahrt kurzfristig fürchte, vorwärts durch die Windschutzscheibe zu fallen - und schließlich auf eine Piste mit wechselnden Seitenneigungen, wo mir Herr Lohmann ganz stolz vorführt, wie das Mähwerk automatisch dem Gelände folgt. Very impressive, indeed.

Danach noch eine Runde mit etwas mehr Schmackes, bei der mir Herr Lohmann auch nicht mehr so oft helfend ins Lenkrad greifen muss.

Dann ist die Fahrt zu Ende. Motor aus, runterklettern, danke Herr Lohmann. Das Action Item "Mähdrescher fahren" kann ich jetzt als erledigt betrachten. Möchte ich sowas jeden Tag machen - während der Erntezeit drei Wochen lang nahezu ohne Pause? Eher nicht.

Aber in der Münchner Altstadt wäre man mit einem solchen Teil definitv der Chef.

Freitag, 2. Oktober 2009